Samstag, Juli 15, 2006

Leitsätze zur Vollkommenheit

I. Die christliche Vollkommenheit

1. Wesen. "Das Ziel unseres Strebens ist Christus..., zu ihm zu gelangen, macht unsere Vollkommenheit aus." (Hl. Aurelius Augustinus Bi. K.L., 354-430, De natura et gratia, c. 70.)
"Über all das habt die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist." (Kol. 3, 14.)
2. Pflicht. "Seid also vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!" (Worte Jesu. Mt. 5, 48.) "Denn das ist der Wille Gottes, daß ihr heilig seid." (1. Thess. 4, 3.)
3. Segen. "Die Furcht des Herrn erfreut das Herz, gibt Lust, Wonne und ein langes Leben. Wer den Herrn fürchtet, dem wird es wohl gehen an seinem Ende, er wird gesegnet werden am Tage seines Hinscheidens." (Sir. 1, 12-13.)
4. Weg. "Bei allen menschlichen Bestrebungen gibt es Anfang, Mitte und Ende, und ein solcher Unterschied findet sich auch auf dem Gebiete des inneren Lebens. Dort sind solche, die erst eben beginnen; andere, die weiter vorangeschritten sind, und wiederum andere, welche die Vollkommenheit bereits erreicht haben." (Hl. Thomas von Aquin, O.P., K.L., ca. 1226-1274, Summa Theologica, 2. 2. quaestio 24, a. 4.)
5. Verlangen. "Das Leben eines Christen ist ein heiliges Verlangen." (Hl. Aurelius Augustinus, Tr. 4. in epist. 1. Joan.)

II. Die Mittel zur christlichen Vollkommenheit

1. Geistliche Führer. "Suche einen zuverlässigen Führer des neuerwählten Lebens und folge ihm." (Hl. Basilius, Bi. K.L., ca. 330-379, De renunt.)
2. Religiöse Tagesordnung. "Alles aber geschehe in schöner Form und Ordnung!" (1. Kor. 14, 40.)
3. Reinigung der Seele. "Die erste Reinigung, welche geschehen muß, ist die von der Sünde, und das Mittel hierzu ist das Sakrament der Buße." (Hl. Franz von Sales, Bi. K. L., 1567-1622: "Philothea", 1. 6.)
4. Gebet. "Man muß allzeit beten und nicht nachlassen." (Worte Jesu. Lk. 18, 1.)
5. Gewissenserforschung. "Sobald der Tag vorüber, jede körperliche und geistige Arbeit beendet ist, wird ein jeder wohl daran tun, vor dem Richterstuhle der Seele mit seinem Gewissen sorgfältig Abrechnung zu halten, bevor er sich zur Ruhe begibt." (Hl. Basilius, Bi. K.L., ca. 330-379, S. 1. de institut. mon.)
6. Partikularexamen. "Ein jeder prüfe sein Gewissen und sehe zu, was er in der Woche Gutes getan, was in der anderen, welcher Fortschritt stattfand, welche Besserung hinsichtlich gewisser Neigungen eingetreten sei." (Hl. Johannes Chrysostomus, Patriarch, K.L., ca. 354-407, Hom. 11, in gen. 5.)
7. Beichte. "Bekennen wir aber unsere Sünden, so ist er treu und gerecht. Er vergibt uns und macht uns rein von allem Unrecht." (1. Jo. 1, 9.)
8. Vorsätze und Entschlüsse. "Ich habe mir vorgenommen, mein Herz zu erforschen und alles weise zu untersuchen." (Ekkl. 1, 13.)
4. Kommunion. "Der häufige oder tägliche Empfang der heiligen Eucharistie mehrt die Einigung mit Christus, nährt ausgiebig das geistliche Leben, schmückt die Seele reichlicher mit Tugenden und schenkt dem Empfänger ein sicheres Unterpfand der ewigen Seligkeit." (Pius X., 20. 12. 1905, Dekret über die öftere Kommunion.)
10. Hl. Messe. "Die hl. Messe ist der Mittelpunkt der christlichen Religion, das Herz der Andacht, die Seele der Frömmigkeit, ein unaussprechliches Geheimnis, das den Abgrund der göttlichen Liebe umfaßt, weil Gott sich selbst wesentlich darin uns mitteilt und den Reichtum seiner Gaben und Gnaden an uns verherrlicht." (Hl. Franz von Sales, Bi., K.L., "Philothea". II. 14.)
11. Gottesdienst. "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." (Worte Jesu. Mt. 18, 20.)
12. Geistliche Lesung. "Wer religiöse Bücher und Zeitschriften liest, zu dem redet Gott." (Hl. Aurelius Augustinus, Bi. K.L., Sermo 112, de temp.)
13. Betrachtung. "Betrachte immer die Gebote des Herrn und übe dich emsig in seinen Vorsschriften." (Sir. 6, 37.)
14. Wandel in der Gegenwart Gottes. "Alle Tage deines Lebens habe Gott vor deinem Geiste." (Tob. 4, 6.)
15. Geistliche Sammlung. "Beständig habe ich den Herrn vor Augen. Er steht mir zur Rechten, daß ich nicht wanke." (Ps. 15, 8. Apg. 2, 25.)
16. Geistliche Einsamkleit. "Jesus zog sich von dort in einem Boot an einen einsamen Ort zurück, um allein zu sein." (Mt. 14, 13.)
"Wer also zum innern, geistigen Leben gelangen will, der muß sich mit Jesus von der Volksmenge entfernen." (Gerhard Groote, 1340-1384: "Nachfolge Christi". 1, 20.)
17. Anmutungen. "Unter Lobpreis will ich den Herrn anrufen... Ich werde gerettet werden." (Ps. 17, 4.)
18. Erwägungen. "Das Ende aller Dinge erwägt der Mensch." (Job. 28, 3.)
19. Atmen der Seele und Stoßgebete. "Das Gebet ist das Atmen der Seele." ("Sel. Johann Gabriel Perboire", 1802-1840, Paris, Gaume et Cie., S. 327.)
"Wenn wir den lieben Gott lieben, wird uns das Gebet so vertraulich wie das Atmen." (Hl. J. B. M. Vianney, 1786-1859: "Sermons" II. S. 63 und II. S. 32.)
"Die Stoßgebete oder die Herzenserhebungen zu Gott, verbunden mit innerer und äußerer Abtötung, sind ein sicheres Mittel, bald zu großer Vollkommenheit zu gelangen. Die Geisteslehrer sagen, man könne sie wie Atemzüge verrichten und dadurch immer mit dem lieben Gott vereint und bereit sein, Tugend zu üben, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet." ("Eine moderne Mystikerin", Sr. Emilie Schneider. Von K. Richtstätter S.J., 1928, S. 153.)
20. Besuch des Allerheiligsten. "Wißt ihr nicht, daß ich im Hause meines Vaters sein muß." (Worte Jesu. Lk. 2, 49.)

(Fortsetzung folgt)

Montag, Juli 03, 2006

Theodor Ratisbonne

Wie alle männlichen Glieder der jüdischen Familie Ratisbonne wurde er für das Bankgeschäft bestimmt. Die ersten Lehrjahre brachte er in der Bank seines Vaters zu, dann kam er 1818 nach Paris in das gleichartige große Bankgeschäft seines nahen Verwandten Fould. Der auf das Ideale gerichtete Geist des jungen Mannes wußte aber seinem Beruf als Bankier keinen rechten Geschmack abzugewinnen, er gab ihn auf und widmete sich dem Jus-Studium, anfangs in Paris, dann in Straßburg.
Weltanschaulich war Theodor Ratisbonne in einem sehr liberalen Judentum beheimatet, von dem er sich aber immer mehr distanzierte. In einer autobiographischen Skizze "Mes Souvenirs" schreibt er selbst: "In dem Maße, als mein Verstand reifte, warf ich das Joch der mosaischen Gesetze ab... Bald machte mich der Name Jude sogar erröten, und ich zog mich aus ihren Versammlungen zurück. Mein Vater, obwohl Präsident des (jüdischen) Konsistoriums in Straßburg, ging selbst nicht hin, außer wenn er durch irgendeine Feierlichkeit dazu verpflichtet war... Ich lebte schließlich ohne Religion und suchte weder das Gute noch das Böse. Aber ich sagte mir oft: Ich bin jetzt 20 Jahre alt und weiß nicht einmal, weshalb ich auf der Welt bin. Was ist doch das Leben und zu welchem Zweck bin ich auf diese Erde gesetzt worden? Diese Sinnfragen, die tausend andere wachriefen und tausend Theorien erzeugten, bemächtigten sich meiner Seele und beherrschten sie bald ganz ausschließlich. Ich meinte, es müßte doch irgendeine Schule geben, in der mir das Geheimnis der gegenwärtigen und zukünftigen Dinge enthüllt werden könnte... Aber keine Stimme antwortete auf meine Fragen, auf meine Bedürfnisse. Ich las Rousseau und verschlang ohne Unterschied alle Ansichten und Paradoxien dieses verführerischen Pädagogen... Ich meinte, die Lösung meiner Zweifel in der Philosophie zu finden, und las Locke, Voltaire, Volnay usw.... Durch mein Grübeln über das Gute und Böse, über die Macht und Ohnmacht Gottes und über das Problem des Weltalls war ich, wenn nicht Gottesleugner, so doch im höchsten Maß Zweifler geworden - Skeptiker... Um das Maß meines Unglücks voll zu machen, nahm ich meine Zuflucht zu Männer, die für gelehrt galten und mich in meiner ausdörrenden Ungläubigkeit noch bestärkten. Sie gaben mir recht und vermehrten durch ihren Sarkasmus die Abneigung und die Vorurteile, die man mir seit meiner Kindheit gegen das Chrisentum eingeflößt hatte. Ich erwähne dies alles nur, um zu zeigen, in welchen Abgrund ich gefallen war. In einem jener Augenblicke tiefsten Schmerzes rief ich in der Bitterkeit meiner Seele aus: "O Gott, wenn du wirklich existieren solltest, laß mich die Wahrheit erkennen, und im voraus schwör' ich dir, ihr mein Leben zu weihen!"
In dieser seelischen Zerrissenheit geriet Theodor Ratisbonne im Jahre 1823 durch den ihm bis dahin unbekannt gewesenen jüdischen Jus-Studenten Julius Lewel unter den Einfluß des Straßburger Philosophie-Professors E.M. Bautain, der selber zuerst stark vom Rationalismus befallen gewesen war, dann aber 1819-20 unter der Einwirkung Kants und durch das eifrige Lesen der Heiligen Schrift eine schroffe Wendung vom Rationalismus zum christlichen Offenbarungsglauben vollzogen hatte, wie er in seiner 1827 in Straßburg herausgebrachten Bekenntnisschrift "La morale de l'Evangile à la morale des philosophes" aufgezeigt hat. Den katholischen Theologen ist dieser E.M. Bautain (+ 1867) für gewöhnlich fast nur als Hauptvertreter des sogenannten "Fideismus" bekannt, der die Quelle unserer religösen und moralischen Erkenntnisse einzig und allein der göttlichen Offenbarung sieht und der Vernunft als solcher dort gar nichts zutraut, wo es um die Erkenntnis der Existenz Gottes und der Tatsächlichkeit und Glaubwürdigkeit der göttlichen Offenbarung geht. Daß dieser Professor Bautain damals aber ungemein segensreich auf skeptische ungläubige junge Akademiker, vor allem auch solche aus dem Judentum, eingewirkt und sie zum Glauben gebracht hat, ist vielfach unseren Theologen, erst recht unseren Gläubigen, unbekannt.
Theodor Ratisbonne wurde jedenfalls tief beeindruckt von einem privaten Seminar, das er zusammen mit einem katholischen Iren, einem orthodoxen Russen und dem Juden Julius Lewel bei Professor Bautain im Hause des heiligmäßigen Fräuleins Louise Humann in der Straßburger Rue de la Toussaint mitmachen konnte. Dieses Fräulein Humann war die Schwester eines Freundes des Mainzer Bischofs Colmar; sie war nach dem Tod dieses aus Straßburg stammenden großen Bischofs im Jahre 1818 wieder in ihre Heimat Straßburg zurückgekehrt. In ihrer Wohnung fand nun dieses Philosophie-Seminar Bautains statt, von dem Theodor Ratisbonne in seinen Erinnerungen geschrieben hat: "Mit Entzücken nahmen wir das einfache und ungemein belebende Wort unseres Lehrers Bautain auf, das aus der Fülle seines Herzens sprudelte. Es war nicht ein Lehren wie das irgendeines anderen Professors, es war eine wahrhafte Einweihung in die Mysterien des Menschen und der Natur. Wir hörten mit Überraschung und Bewunderung die Enthüllungen jener allgemeinen Wahrheit, die dieser Lehrer aus der lebendigen Quelle der Heiligen Schrift schöpfte, aus der er selbst Stärke, Kraft und Macht gewonnen hatte. Diese Vorträge bewirkten mehr als Erleuchtung meines Verstandes, sie erwärmten mein Herz, erweckten meinen Willen und machten das Eis schmelzen, das sich um meine Seele gelagert hatte. Der Einfluß des Christentums umgab mich allmählich von allen Seiten und durchdrang mich, ohne daß ich es merkte."
Der Einfluß dieses Kreises von Freunden, der da in der Wohnung ihrer Mutter, wie sie Fräulein Humann (+ 1836) liebevoll nannten, regelmäßig tagte und im Geist der Urkirche zu leben suchte, muß für den 25-jährigen Juden Theodor Ratisbonne damals tief gegangen sein. Schließlich war es so weit, daß er schreiben konnte: "Meine Seele war für Jesus Christus gewonnen, und ich sehnte mich nach der Taufe, deren Notwendigkeit mir klar geworden war." Aufschlußreich ist in dieser seelischen Entwicklung hin zum Glauben an Christus, wie ihm nach seinem Geständnis auch die Bedeutung der Marienverehrung immer mehr aufging. Er schreibt davon in seinen Erinnerungen: "Je mehr man sich mit Jesus Christus verbindet, umso mehr erfährt man auch das ganz große Bedürfnis, auch seine Mutter zu ehren und zu preisen; es ist ja die Mutterschaft Mariens, die uns von Jesus eine vollkommene Kenntnis schenkt, sie ist der lebendige Ort, der uns in Beziehung zu Christus bringt; durch sie ist ja Gott ein Menschenkind geworden, durch sie wird der Mensch ein Gotteskind; die Marienverehrung ist, wenn sie tief und sinnvoll durchgeführt wird, ein Indiz des wahren Glaubens, ist Vorbedingung für unseren geistlichen Fortschritt und ist gleichsam ein Kanal des Gebetes und der Gnade, das Geheimnis süßester und fruchtreicher Tröstungen."
Der Taufe stand noch eine große Schwierigkeit entgegen; Theodor Ratisbonne berichtet darüber so in seinen Erinnerungen: "Die göttliche Vorsehung hatte mich in eine schwierige Lage versetzt, die ein zurückhaltendes, vorsichtiges Vorgehen von mir verlangte. Mein Vater hatte nämlich gewünscht, daß ich die Leitung der Schulen übernehme, die er - als Vorsitzender des jüdischen Konsistoriums - 1825 für jüdische Kinder gegründet hatte; die Not der aus den Ostgebieten und aus Nord-Afrika zugewanderten armen, meist ungebildeten Juden und ihrer Kinder war groß. Es hatte meinem erwachenden christlichen Glauben und meiner alten Eigenliebe große Opfer gekostet, diese Aufgabe zu übernehmen, zumal sie mich mit allem, was die Synagoge an unedlen Elementen in sich schloß, wieder in Verbindung bringen mußte. Aber die Aufmunterung meines Lehrers Bautain, die Aussicht auf das Gute, das ich dabei vielleicht wirken könnte, und das Bedürfnis, das Licht des wahren Glaubens, das in mir aufzuleuchten begonnen hatte, weiter zu verbreiten, bestimmte mich, dieses wohltätige Werk zu übernehmen, dem ich mich nun ganz hingab. Meine Jus-Studien waren beendet, und ich hatte bereits eine Advokatur am Gerichtshof in Colmar erhalten. Da ich mich aber dem Jus-Studium nur aus Ruhmsucht und Ehrgeiz gewidmet hatte, glaubte ich dem Advokatenstand ebenso entsagen zu müssen, wie ich dem Beruf eines Bankiers entsagt hatte. Ich beschäftigte mich damals mit den Naturwissenschaften und mit der Medizin, aber eigentlich nur deshalb, um weiter an der Seite meines geliebten Professors Bautain bleiben zu können. Zwei jüdische Freunde taten dasselbe. Die gemeinsame Beschäftigung und Zielsetzung schmiedete uns sehr zusammen. Unsere Absicht ging dahin, das Medizinstudium richtig zum Abschluß zu bringen, um dann eines Tages die ärztliche Kunst unentgeltlich auszuüben und die Summe unserer Kentnisse gemeinschaftlich nur für das Wohl der Armen zu investieren. Wir drei hatten das große Verlangen, Gutes zu tun und uns dazu einem wohltätigen Werk zu widmen. Aber keiner von uns dreien ahnte den höheren Beruf, für den uns Gott ohne unser Wissen vorbereitete."
Vorerst also widmete sich Theodor Ratisbonne zusammen mit seinen beiden jüdischen Freunden Julius Lewel und Isidor Goschler mit großem Erfolg der Leitung der jüdischen Schulen in Straßburg. Da Theodor Ratisbonne aber mit seinen beiden Freunden immer mehr christlichen Geist in seine schulische Tätigkeit einfließen ließ, schöpfte man in jüdischen Kreisen bald Verdacht, daß hier manches im Sinn des Judentums nicht mehr in Ordnung sei. So trennten sich zuerst die beiden Freunde von dem Unternehmen und entschlossen sich zur Konversion. Schließlich tat auch Theodor Ratisbonne den entscheidenden Schritt und ließ sich am Karsamstag, dem 14. April 1827, taufen.
Er selbst schildert das große Ereignis so: "Ich ging vom Judentum zum Christentum über, von der Synagoge zur Kirche, von Mose zu Jesus Christus, vom Tod zum Leben. Ja, es war das wahre Leben, das mich nun durchdrang, als das Taufwasser über meine Stirne floß. Ich empfand ein unaussprechliches Gefühl von Freude, Freiheit, Würde und Dankbarkeit; die ganze Natur schien mich anzulächeln und ein neues Licht schien die Welt zu erleuchten; ich sah alle Dinge von einem ganz neuen Gesichtspunkt aus, und mein Glück, nun der großen christlichen Familie angehören zu dürfen, war so groß, daß ich mich nur ganz schwer zurückhalten konnte, um es nicht allen, denen ich nach der Taufe begegnete, laut zu verkünden."
Dem Vater, der vom getanen Schritt seines Sohnes noch nichts Sicheres wußte, sondern nur vermutete und ihn eines Tages fragte, ob er etwa Christ geworden sei, gestand Theodor Ratisbonne: "Ja, Vater, ich bin Christ, und mein Glaube ist es, der mich nun dazu drängt, allen Annehmlichkeiten des bisherigen Lebens zu entsagen, um mich ganz unter dem Schutz Mariens der Wiedergeburt meiner jüdischen Brüder zu widmen."
Er wandte sich nun dem Theologiestudium zu, um Priester zu werden. Bischof J.F. Lepape de Trévern (+1842) nahm ihn und seine beiden Freunde Julius Lewel und Isidor Goschler in das zu Molsheim errichtete Priesterseminar auf, nachdem sie vorher noch unter Leitung von Professor Bautain, der 1826 ebenfalls Priester geworden war, noch Schriftexegese, Kirchengeschichte und Patrologie sowie die anderen theologischen Fächer studiert hatten. Am 18. Dezember 1830 wurde Theodor Ratisbonne zum Priester geweiht.
Er wirkte dann zuerst für kurze Zeit als Vikar an der Kathedrale von Straßburg. Schon bald aber übertrug ihm und seinen beiden Freunden der Bischof die Leitung und den Unterricht im Knabenseminar. "Wir arbeiteten mit Eifer inmitten zahlloser duch Eifersucht hervorgerufener Schwierigkeiten. Der Segen des Herrn aber blieb nicht aus. Das Haus gedieh in jeder Hinsicht, und die Anerkennung war schließlich allgemein." So schildert es Theodor Ratisbonne selber. Dann aber tauchten Verdächtigungen aud. Man warf den drei Pristern vor, sie würden den irrigen Fideismus ihres Lehrers und Freundes Bautain vertreten. Sie unterwarfen sich zwar mit ihrem Lehrer Bautain in ergreifender Demut der Entscheidung des kirchlichen Lehramts, bekamen aber trotzdem den "Befehl, ohne Verzug das kleine Seminar, das Knabenseminar, zu verlassen". "Was man uns in moralischer Hinsicht vorwarf, war unser enger Freundesbund, berzüglich der Lehre machte man uns zum Vorwuf, daß wir mehr dem Glauben als der Vernunft einräumten, d.h. daß wir mit dem hl. Anselm von Canterbury bekennen: Credo, ut intelligam - Ich glaube, damit ich zur Einsicht komme."
Theodor Ratisbonne privatisierte nun in Straßburg, erteilte mit seinen Freunden an einer höheren Schule Unterricht, von 1836 bis 1840 widmete er sich noch dem intensiven Studium der Kirchenväter und der geistlichen Schriftsteller des Mittelalter und schrieb in dieser Zeit eine zweibändige Biographie des großen Marienverehrers des 12. Jahrhunderts, des hl. Bernhard von Clairvaux ("Histoire de Saint Bernard et de son siècle", 2 Bände, Paris, 1841).
Im Jahre 1840 verließ Theodor Ratisbonne Straßburg und ging nach Paris, wo er bald seinen Lieblingsplan, "an der geistigen Wiedergeburt der Juden zu arbeiten", aufnahm. Zunächst stellte er sich dem berühmten Abbé Charles Dufriche-Desgenettes(+ 1860), dem Pfarrer an der Kirche "Unserer Lieben Frau vom Siege" ("Notre-Dame des Victoires") zur Verfügung. Diesem Pfarrer war es sehr zu Herzen gegangen, daß seine mitten im Trubel der Pariser Vergnügenslokale gelegene Kirche einen ganz verschwindend geringen Zuspruch von Gläubigen hatte. Als er völlig entmutigt zum Beginn des Advents am 3. Dezember 1836 die hl. Messe feierte, vernahm er die Worte: "Weihe doch deine Pfarre dem heiligsten Herzen Mariens!" Er tat es. Von da an gelang ihm eine völlige Umwandlung der Pfarre. Der Besuch der hl. Messe hob sich in erstaunlicher Weise. Noch einen Fingerzeig von oben bekam er: Er nahm die Prägung der sogennanten "Wundertätigen Medaille", wie sie die Gottesmutter sechs Jahre vorher im Jahre 1830 im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern des hl. Vinzenz von Paul in der Pariser "Rue du Bac" der Novizin Katharina Labouré aufgetagen hatte, in Angriff und betrieb die Versendung dieser Medaille in alle Welt. Zugleich aber gründete er die "Bruderschaft vom heiligsten Herzen Mariä zur Bekehrung der Sünder", die bald einen ganz großen Aufschwung nahm und vom Hl. Stuhl schon am 16. Dezember 1836 bestätigt und bald schon als weltweites katholisches Werk zur Erzbruderschaft erhoben wurde. Von dieser Gnadenstätte Unserer Lieben Frau vom Siege in Paris ging in der Folgezeit ein wahrer Siegeslauf in der Ausbreitung der Verehrung des heiligsten unbefleckten Herzens Mariä aus; bis zum Jahre 1896 warne der Erzbruderschaft bereits 18.883 Bruderschaften in aller Welt angeschlossen. Auch die Verbreitung der "Wundertätigen Medaille" gelang von da aus in wenigen Jahren millionenfach.
Wen könnte es da verwundern, daß sich der 1827 getaufte, 1830 (wohlgemerkt im Jahr der Erscheinung Mariens vor der hl. Katharina Labouré) zum Priester geweihte Jude Theodor Ratisbonne ganz besonders zu dieser Pariser Gnadenstätte hingezogen fühlte, um dort für die Bekehrung seiner jüdischen Volksgenossen, vor allem auch für die seines von Haß gegen die katholische Kirche glühenden Bruders Alphons zu beten und zu arbeiten. Kaum hatte Theodor Ratisbonne als Vizedirketor der "Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen zur Bekehung der Sünder" sein eifriges Beten, Opfern und Arbeiten aufgenommen, stellte sich bereits ein wahrhaft wunderbarer Erfolg ein, als am 20. Januar 1842 seinem Bruder Alphons in der Kirche "Sant'Andrea delle Fratte" in Rom eine völlig unerwartete Erscheinung Mariens zuteil wurde, und zwar in jener Gestalt, wie sie auf der "Wundertätigen Medaille" dargestellt ist.

Donnerstag, Juni 22, 2006

Die Bekehrung der jüdischen Brüder Theodor und Alphons Ratisbonne durch die Heiligste Jungfrau Maria


Zum Bild: Wenn das Licht der Sonne durch ein Alabasterfenster in die Gnadenkapelle der Unbefleckten Empfängnis in der Kirche Sant'Andrea delle Fratte in Rom fällt, werden Altar und Kapelle mit goldenem Glanz erfüllt.

1984 ist im WETO-Verlag, Albrecht Weber, Meersburg, eine Kleinschrift erschienen mit dem Titel "Wunder der Bekehrung" "Das Unbefleckte Herz Mariens und die Wundertätige Medaille im Leben der jüdischen Brüder Theodor und Alphons Maria Ratisbonne", ein kurzgefaßtes Lebensbild entstanden aus einem Vortrag von Univ.-Prof. Prälat Dr. Ferdinand Holböck, den er auf der Tagung der ACTIO-MARIAE am 23. März 1984 in Moos am Bodensee gehalten hat. Aus dieser Schrift wollen wir hier ein paar wichtige Passagen festhalten:

Die beiden Brüder Theodor und Alphons Ratisbonne wurden als Söhne des reichen jüdischen Bankiers August Ratisbonne (+ 1830) und der Adelheid Cerfbeer (+ 1818) in Straßburg geboren, Theodor am 28. Dezember 1802 als zweites von 10 Kindern, Alphons 12 Jahre später am 1. Mai 1814 zu Beginn des Marienmonates als vorletztes dieser zehn Kinder.
Vater August Ratisbonne war der Sohn eines Johann Ratisbonne, der im 18. Jahrhundert aus Regensburg nach Straßburg im Elsaß ausgewandert war; darum der Name Ratisbonne, der ja nichts anderes bedeutet als Regensburg.
Der Lebensweg der beiden Brüder Theodor und Alphons Ratisbonne verlief ziemlich ähnlich und doch wieder ganz verschieden, mündete aber wunderbar durch die heilige Taufe in den Schoß der katholischen Kirche, ja sogar in den Priesterberuf. Als Priester haben dann beide - der eine in Paris, der andere in Jerusalem - unermüdlich für das Heil des jüdischen Volkes gearbeitet unter dem Schutz und Segen des Unbefleckten Herzens Mariä. Das Erdenleben beider fand dann einen glücklichen Abschluß ... als Theodor-Maria Ratisbonne am 10. Januar 1884 heiligmäßig in Paris starb, Alphons-Maria Ratisbonne aber am 6. Mai 1884, also wieder im Marienmonat, in Jerusalem zum ewigen Leben abberufen wurde.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, Juni 14, 2006

Drei Grundlehren des geistlichen Lebens

1. Gebet

Beten heißt, sich mit Gott unterhalten in Anbetung, Lob, Dank, Bitte und Abbitte. Die heilige Kommunion ausgenommen, können wir uns durch nichts auf Erden so innig mit Gott vereinigen wie durch das Gebet. Nirgends sind wir so wohlwollend und so herzlich aufgenommen wie bei Gott. Wenn wir selig werden wollen, müssen wir beten. Ohne Gebet gibt es kein geistliches Leben. Wer recht zu beten versteht, versteht auch recht zu leben. Sorgen wir für Liebe zum Gebet, dann werden wir auch immer Zeit finden zum Beten. Was man liebt, dafür findet man immer Zeit. Beten wir gerne, wie es uns der liebe Heiland zu beten gelehrt hat. Das Vaterunser ist das vortrefflichste Gebet, weil hier wirklich die Worte des Sohnes Gottes sind. Das Gegrüßet seist du, Maria, bildet nach dem Vaterunser den liebenden Schlußakkord des Christen an die Gottesmutter. Ihr gefällt gar sehr das Rosenkranzgebet ihrer Kind. Beim betrachtenden Gebet kommt es immer darauf an, die drei Seelenkärfte: Gedächtnis, Verstand und Willen, gut anzuwenden. Vor allem muß der Wille dazu angehalten werden, daß er den ganzen Tag den Vorsatz ausführe, den man am Morgen gefaßt hat. Es muß unser tägliches Bestreben sein, zu beten ohne freiwillige Zerstreuung, mit Eifer, Vertrauen, Beharrlichkeit und Demut. "Bittet, und es wird euch gegeben. Alles, um was ihr im Gebete voll Glauben bittet, werdet ihr erhalten. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bittet, so wird er es euch geben. Betet ohne Unterlaß."

2. Selbstüberwindung

Das Gebet lenkt unsere Gedanken auf Gott. Wer Gott kennt, dem ist das Gebet leicht. Die Selbstüberwindung dagegen wendet unsere Sorge uns selbst zu. Sie lehrt, wie wir uns selbst behandeln sollen. Sie besteht in der Mühe, die wir uns geben müssen, um vernünftige, reine, edle Menschen und gute, opferwillige Christen zu sein. Der Weg ist zwar beschwerlich, aber das Ziel groß und glorreich. Für ein großes Ziel läßt der edle Mensch sich gerne Opfer kosten. Darum bemüht er sich täglich von neuem, die göttlichen und sittlichen Tugenden zu erwerben und sie in sich zu befestigen, alle Untugenden aber aus seinem Seelenleben zu entfernen. Damit dies aber um so sicherer gelinge, ist es notwendig, den Hauptfehler in sich zu entdecken und diesem die Quelle zu verstopfen, auf daß keine Nebenfehler daraus fließen können. "Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst, nehme Tag für Tag sein Kreuz auf sich und folge mir. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann mein Jünger nicht sein."

3. Heilandsliebe

Beten ist notwendig. Sich selbst in der Gewalt haben, ist erhaben. Aber beides fällt dem Menschen gewöhnlich schwer. Da kommt die Liebe und macht alles leicht. Denn die Liebe ist das Band der Vollkommenheit. Sie wendet unser Herz von der Erde zum Himmel, hilft uns jedes Kreuz großmütig tragen und alle Opfer feudig bringen. Nur Gott, die reine Liebe, kann uns dauernd glücklich machen. Aus Liebe zu uns ist er ein schwaches, hilfloses Kind geworden. Sein ganzes Erdenleben, sein bitteres Leiden und Sterben, alles stand im Dienste dieses einen, höchsten Zweckes. Sein Fortleben im heiligsten Altarssakramente gilt noch immer Tag für Tag bis zum Ende der Welt dem erhabenen, göttlichen Ziele, in uns das Feuer seiner Liebe zu entzünden. Wie großartig und göttlich erweist sich die Liebe des Herrn gegen uns. Darum verlangt es die Dankbarkeit, daß wir Liebe mit Gegenliebe vergelten und alle unsere Handlungen, Mühen und Beschwerden unserm göttlichen Heiland aus Liebe aufopfern. Im Himmel Gott lieben ist keine Kunst, aber hier auf Erden im Lichte des Glaubens und oft im Kampfe mit feindlichen Mächten das Herz in Liebe zu Gott emporheben, das ist eine große Kunst und die beste Verherrlichung Gottes. Den Heiland kennen, ihn treu nachahmen und ihn innig lieben, ist der höchste Gewinn für Zeit und Ewigkeit. "Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer mich liebt, den wird mein Vater lieben, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. Bleibt in meiner Liebe."

Montag, Juni 12, 2006

Hymnus an die wahre Religion

Heil'ge, Himmelsbraut, aus Gott gegangen,
Hohe Engelschwester, schön und mild,
Die frohlockend einst die Erd' empfangen,
Die die Menschenbrust besel'gend füllt;
Durch des Mittlers Wort und Tat verkündigt
Und verbürgt durch seinen Opfertod;
Einer Menschheit, die sein Blut entsündigt,
Leitstern nach des Lebens Morgenrot:

Vor dir sanken, wo du dem Versöhner
Folgtest auf der tiefen Gottesspur,
Alle Tempel truggefang'ner Fröhner
Eines schwanken Schattenspieles nur.
Du mit warm umfassendem Erbarmen
Hobest über Traum und Wahn das Herz;
Trugst es lächelnd auf den sanften Armen
Über Götzentrümmer sternenwärts.

Heller Tag erglänzt aus deinen Augen,
Höh'rer Welten reiner Widerschein;
Und aus deiner Lippen Kunde sangen
Dürstend wir den Gottesglauben ein,
Heiligfesten Glauben an das Eine,
Das unendlich waltend, über Zeit,
Über Raum erhöht, das höchste Reine,
Alle Wesen tränkt mit Seligkeit.

Vor dir sitzt, an deinen Schoß gelehnet,
Ihren Blick dem Himmel zugewandt,
Hoffnung, Hoffnung, immergrün bekrönet,
In dem sternbesäten Lichtgewand.
Ihren Anker senkst du in die Tiefe
Seines Meeres unerschöpfter Huld.
Uns zerschellt kein Sturm am Felsenriffe;
Unschuld hofft, es hofft die reu'ge Schuld.

Göttlich Hohe, warm an dich geschmieget,
Tief ihr klares Aug' in deins versenkt,
Ruft die Liebe: Wenn uns alles trüget,
Ist's ihr Schöpfer noch, der unser denkt.
Schlummernd liegt vor ihr der Schmerz bezwungen,
Um die Stirne ihren Lorbeerkranz.
Ihres Gottes Huld hält sie umschlungen,
Lebt und fühlt und atmet in Ihm ganz.
Wilde hast zu Menschen du erhoben,
Adeltest ein herrliches Geschlecht,
Knüpftest an ein Band, das du gewoben,
Gabst ihm deines Himmels Bürgerrecht.
Deiner Göttlichkeit ergoß'ner Schimmer,
Deine hohe Schönheit, Leuchtende,
Blüht verklärend über Weltentrümmer,
Über die Verwesung, Ewige!

Wundertät'ge Macht, du nahmst dem Tode
Seinen Stachel, seine Furcht dem Grab;
Nach dem letzten Erdenabendrote
Blickst du ruhig, unbewegt, hinab.
Denn du hast die gold'nen Morgentore
Der Unsterblichkeit uns aufgetan,
Und der stille Engel mit dem Flore
Führt den müden Waller himmelan.
Unterpfand,von Jesus uns gegeben,
Bürgschaft, Siegel der Unsterblichkeit;
Holder Leitstern nach dem schönen Leben,
jeder Tugend Stütze und Geleit;
Unversiegte Quelle reinster Wonnen,
Dir, bewundernd, huldigt meine Brust;
Dich beseligt nennen Milllionen
Ihren Trost, ihr Labsal, ihre Lust.

Fest und unerschüttert wirst du stehen
In der Wogenbrandung aller Zeit;
Alles Ird'sche mag um dich verwehen,
Dem der Augenblick den Weihrauch streut;
Immer prangend in der Jugendfülle,
Wie zurück dich uns dein Führer ließ,
Wirst du blüh'n; in hoher Feierstille,
Winken zum verlornen Paradies.

G.A., München

Sonntag, Juni 11, 2006

Alles erneuern in Christus durch Maria

Wer sieht nicht ein, daß es kein sichereres und leichteres Mittel gibt, alle mit Christus zu vereinigen, als die Verehrung Marias? Wenn in Wahrheit Maria gesagt wurde: Selig bist du, welche geglaubt, daß alles, was dir gesagt worden von dem Herrn, vollendet werden wird (Lk. 1, 45), nämlich, daß sie den Sohn Gottes empfangen und gebären würde, so folgt daraus notwendig, daß seine heilige Muter, nachdem sie so Mitbewirkerin der göttlichen Geheimnisse geworden, nach Christus, als die vornehmste Grundlage angesehen werden müsse, auf welcher der Aufbau im Glauben durch alle Jahrhunderte aufzuführen sei.
Wahrlich, niemand, der bedenkt, daß die Jungfrau einzig aus allen es gewesen, mit welcher Jesus wie ein Sohn mit seiner Mutter dreißig Jahre lang häuslichen Umgang pflegte und durch die innigste Lebensgemeinschaft verbunden war, kann daran zweifeln, daß sie, und niemand wie sie, uns den Zugang zur Kennnis Christi zu eröffnen vermag. Wer erfaßte tiefer als sie, die Mutter, das Geheimnis der Geburt und der Kindheit Christi, vor allem das Geheimnis der Menschwerdung, das der Anfang und das Fundament des Glaubens ist? Sie bewahrte und überdachte nicht bloß in ihrem Herzen die Geschehnisse in Bethlehem und im Tempel zu Jerusalem bei der Darbringung, sondern, ganz eingeweiht in die geheimen Gedanken und Absichten Christi, lebte sie wirklich das Leben ihres Sohnes. Niemand hat wie sie Christus erkannt, und deshalb ist sie auch, wie niemand anders, die rechte Wegweiserin und die Führerin zu Christus.
Deshalb besitzt auch niemand mehr Macht, die Menschen mit Christus zu vereinigen, denn diese Jungfrau. Da wir aber durch Maria zur lebenspendenden Kenntnis Christi gelangen, so werden wir auch um so leichter durch sie das Leben gewinnen, dessen Quelle und Beginn eben Christus ist.
Wie werden wir aber erst in dieser Hoffnung bestärkt, wenn wir überdenken, wieviele mächtige Gründe für Maria selbst bestehen, uns diese Gnaden zu vermitteln!
Oder ist Maria nicht die Mutter Christi? Dann ist sie aber auch unsere Mutter... Man kann mit Recht sagen: Maria trug, als sie in ihrem Schoß den Erlöser umschloß, in demselben auch alle die, deren Leben in dem Leben des Erlösers eingeschlossen war. Alle also, so viele wir mit Christus vereinigt und, nach den Worten des Apostels, Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinen Gebeinen (Eph. 5, 30) sind, wir alle sind gleichsam aus dem Schoße Marias herausgetreten als ein Leib, der mit dem Haupte vereinigt ist. Somit bleiben wir geistiger- und mystischerweise mit Recht Kinder Marias, und sie ist unser aller Mutter: Freilich Mutter dem Geiste nach, aber doch durchaus Mutter der Glieder Christi, die wir sind (S. Aug., L. de S. Virginitate c. 6). Die allerseligste Jungfrau ist also Mutter Gottes und Mutter der Menschen. - Ohne Zweifel wird sie deshalb alles aufbieten, damit Christus, das Haupt des Leibes der Kirche (Kol. 1, 18), uns als seinen Gliedern alle seine Gnadenschätze einflöße, uns allen, damit wir ihn erkennen lernen und durch ihn leben. (1 Jo. 4, 9.)
Zum Lobpreis der heiligen Gottesgebärerin gehört nun nicht bloß, daß sie dem eingeborenen Sohne Gottes einen Teil ihres Fleisches bot, um aus demselben ein Opfer zu bereiten für das Heil der Menschen. Sie stand auch neben dem Kreuz Jesu, sie, seine Mutter, und zwar nicht wie betäubt und schmerzverloren in dem Anblick des gräßlichen Schauspiels, sondern dem Geiste nach freudig bewegt, daß ihr Eingeborener für das Heil des Menschengeschlechtes zum Opfer dargebracht wurde; ja sie selbst litt mit solch lebhafter Teilnahme, daß sie, wenn dies tunlich gewesen wäre, alle Marter ihres Sohnes von Herzen gern für uns gelitten hätte (S. Bonaventura). Durch diese Teilnahme an den Leiden und der Liebe Christi verdiente Maria, daß auch sie mit Recht die Wiederherstellerin der verlorenen Menschenwelt wurde und deshalb auch zur Ausspenderin aller Gnadenschätze, die Christus durch seinen Tod und sein Blut erkaufte, eingesetzt ward.
Infolge dieser Teilnahme der Mutter an den Leiden und Bedrängnissen des Sohnes ist der hehren Jungfrau das Vorrecht geworden, daß sie bei ihrem Sohn nun die mächtige Mitttlerin und Versöhnerin der ganzen Welt ist (Pius IX. in der Bulle "Inefabilis"). Christus ist die Quelle, aus deren Fülle wir alle erhalten (Jo. 1, 16); von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch jedes Band der Dienstleistung... und wird das Wachsen des Leibes bewerkstelligt zu Erbauung seiner selbst in Liebe (Eph. 4, 16). Weil aber Maria alles an Heiligkeit und inniger Vereinigung mit Christus übertrifft und von ihm selbst zur Vollführung des Erlösungswerkes herangezogen wurde, in der Absicht, daß sie schicklichermaßen an uns vermittle, was er von Rechts wegen verdient hat, so ist und bleibt sie die vornehmste Mitwirkerin bei der Gnadenverteilung. Er sitzt zur Rechten der Majestät im Himmel (Hebr. 1, 3), Maria aber steht als Königin zu seiner Rechten als die bewährte Schützerin und die zuverlässigste Helferin aller Gefährdeten; unter ihrer gnädigen und mächtigen Führung darf niemand fürchten, niemand verzweifeln (Pius IX. in der Bulle "Inefabilis").
Auf dieses hin kehren wir zu unserem Hauptsatz zurück. Haben wir nicht mit Fug und Recht behaupten können, daß Maria, nachdem sie so treu zu Jesus gestanden, vom Hause in Nazareth bis zum Fels von Kalvaria, und vertraut wie niemand anders mit den Geheimnissen seines Herzens war, daß sie nun auch seine Verdienste gleichsam nach Mutterrecht verwaltet? Gibt es nun einen besseren, sichereren Weg zu Christi Kenntnis und Liebe als Maria? Sind nicht ein trauriger Beweis dieser Wahrheit leider gerade jene, die, betört durch die List des bösen Feindes oder irregeführt durch falsche Vorurteile, meinen, der Hilfe der Jungfrau entbehren zu können? die Armen und Unglücklichen meinen, Maria übersehen zu müssen, um Christus die Ehre zu geben, und wissen nicht, daß das Kind nicht zu finden ist als bei Maria, seiner Mutter.
Pius X. fährt dann fort: "Fragen wir, wie doch diese Überzeugung von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria zu jeder Zeit so in der christlichen Anschauung liegen konnte, daß sie den Gläubigen wie eingegossen und angeboren zu sein scheint? Dionysius der Kartäuser gibt uns die Erklärung mit den Worten: Abscheu und Entsetzen hält uns ab, zu sagen, daß diejenige, die den Kopf der Schlange zertreten sollte, zu irgendeiner Zeit von der Schlange zertreten wurde, und daß die, welche Mutter des Herrn sein sollte, jemals die Tochter des Teufels war (3 Sent. d. 3, q. 1). Nie und nimmer kann das christliche Volk einsehen und verstehen, wie das heilige, unbefleckte, unschuldige Fleisch Christi in dem Schoß der Jungfrau von einem Fleische genommen sein konnte, dem auch nur einen Augenblick der Sündenmakel anhaftete.
Wenn aber jemand wünscht, - und wer sollte das nicht? - die Jungfrau auf vollkommenere Art zu verehren, der muß natürlich weiter gehen und mit Ernst dahin streben, auch ihr Beispiel nachzuahmen.
Von der Liebe zu Gott gehen wir nun zu der Erwägung über, wie die Betrachtung der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau uns aufmuntern kann zur Beobachtung des Gesetzes, das Jesus mit Vorzug sein Gebot nannte, nämlich zum Gebot, daß wir einander lieben, wie er selbst uns geliebt hat. - Ein großes Zeichen, so beschreibt der Apostel Johannes das ihm gewordene Gesicht, ein großes Zeichen erschien am Himmel: Ein Weib, bekleidet mit der Sonne, der Mond zu ihren Füßen, und auf ihrem Haupte eine Krone von zwölf Sternen (Offb. 12, 1). Jeder nun weiß, daß dieses Weib niemand anders bedeutet als Maria, die als unversehrte Jungfrau Christus, unser Haupt, geboren. Und das Weib, so fährt der Apostel fort, war gesegneten Leibes, schrie in Wehen und war in Pein, zu gebären (Ebd. 12, 2). Der Apostel sah also die heilige Gottesmutter, obwohl sie bereits beseligt im Himmel war, doch an geheimnisvollen Geburtswehen leiden. Was war das doch für eine Geburt! Unsere Geburt ist es, die wir, in der irdischen Verbannung zurückgehalten, zur vollkommenen Liebe Gottes und zur ewigen Glückseligkeit noch geboren werden müssen. Ihre Geburtswehen aber bedeuten die Liebe und den Eifer, mit denen die Jungfrau auf dem Himmelsthron wacht und durch ihre fortwährende Fürbitte zu bewirken sucht, daß die Zahl der Erwählten voll werde.

Aus der marianischen Antrittsenzyklika St. Pius X. "Ad diem illum" vom 2. Februar 1904, die dem Gedächtnis der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis (1854-1904) galt.

Prälat Dr. Robert Mäder, unser Vorbild, unser Fürsprecher


Prälat Robert Mäder (1875-1945), der Gründer und Redakteur der "Schildwache", war ein Priester nach dem Herzen Gottes, ein wahrer Apostel. Was er sein wollte, das wollte er ganz sein, ein ganzer Priester, ein ganzer Pfarrer. Alle Halbheit war ihm verpönt. Er war nie ein Kompromißler und wollte nicht einmal in den Ruch eines solchen kommen. Die Wahrheit ging ihm über alles. Er sagte sie offen, frei und ungeschminkt, feurig, mit hoher Begeisterung, aber immer in edler Sprache, ohne zu verletzten.
Robert Mäder war der "pastor bonus", der gute Hirte seiner Herde. Er kannte die Seinen und die Seinen kannten ihn. Sie waren bereit, für ihren Pfarrer durchs Feuer zu gehen, besonders die Jungen.
Pfarrer Mäder war von Anfang an der feurige Verkünder der Reformdekrete Pius X. Er hat die Papstworte seiner Herde zugänglich gemacht. Er hat sie in die Tat umgesetzt. "Alles in Christo erneuern" war auch Mäders Programm.
Im Kampfe gegen den Liberalismus war er unerschrocken und unermüdlich. Die Liberalen des Kantons Solothurn fürchteten ihn. Als er Ende 1912 seine erste Pfarrei Mümliswil verließ, konnte er mit Recht sagen: "Hier ist kein Liberaler, der noch bona fide (guten Glaubens) liberal wäre, denn ich habe ihnen alles klar und deutlich gesagt, was zu sagen war." - Als Pfarrer Mäder diese Pfarrei 1901 angetreten hatte, war sie eine liberale Hochburg. Nach seiner 10jährigen Tätigkeit war sie ein katholisch-konservatives Zentrum.
Immer wieder verlangte Pfarrer Mäder für katholische Kinder katholische Schulen, katholische Lehrer, eine katholische Erziehung.
In Basel gründete er die nachmals blühende Theresienschule für Mädchen. Eine katholische Knabenschule lag auch in seinem Plane.
Die Kirchenkanzel genügte ihm nicht. Er griff zur Feder und schrieb für seine geliebte "Schildwache" den geistsprühenden kernkatholischen Leitartikel. Das war während 33 Jahren keine Kleinigkeit. Aber der große Denker brachte doch immer wieder alte Wahrheiten in neuer Form.
Gewöhnlich waren diese Leitartikel der Inhalt seiner gehaltvollen Sonntagspredigt. Darauf hat sich Pfarrer Mäder tagelang vorbereitet. Und zwar stundenlang auf den Knien!
Das Gebet, verbunden mit strenger Aszese, war das Geheimnis seines Erfolges.
Wenn er eimal ein Thema im Kopfe hatte, dann meditierte er darüber stunden-, ja tagelang. Begreiflich, daß er dann etwas wortkarg war. Er hatte eben zu viele große Gedanken im Kopfe, als daß er sich mit kleinlichen Dingen abgeben konnte.
Pfarrer Mäder galt nicht als großer Gesellschafter. Wer ihn aber kannte, wie der Schreibende, der mußte nur die rechte Taste drücken: - Liberalismus - Schule - hl. Messe - öftere Kommunion - Pius X. - Maria - Fatima - rationalistische Bibel-Exegese - katholische Presse - Kompromisse - Komunismus - katholische Schlafmützen - hei, dann konnte Pfarrer Mäder auf einmal reden! Und zwar so, daß man wußte, woran man war.
Beständiges Studium und anthaltendes Beten machten aus Pfarrer Mäder einen ernsten Mann. Er war aber einem gesunden Humor keineswegs abgeneigt. Er konnte bei Tisch herzlich lachen, wenn die Vikare einen lustigen Spaß erzählten oder wenn auf der Theaterbühne ein drolliges Stück gegeben wurde.
Nach dem Mittagessen machte er bei jedem Wetter einen Spaziergang in Begleitung eines Vikars. Wer es dann verstand, den Redefluß in Gang zu bringen und zu unterhalten, der lernte in Pfarrer Mäder nicht nur einen tiefen Denker und Theologen, einen strengen Logiker und Streiter Christi, sondern auch einen warmen, liebevollen Naturfreund kennen. Wie ein hl. Franziskus konnte er sich mit jedem Blümlein abgeben, mit jedem Singvögelein sich unterhalten.
Pfarrer Mäder wurde in der freien Natur zum einfachen Kinde, das sich einfach freut, weil alles Schöne vom lieben Gott kommt. Die Kinder mußten das fühlen. Alle gaben dem Herrn Pfarrer gerne die Hand, und er sprach gerne mit ihnen und erkundigte sich wie ein Vater nach ihrem Wohlergehen und nach Vater und Mutter und gab ihnen freundliche Grüße auf.
Nach dem Spaziergang machte er einen kurzen Besuch in der Kirche. Dann ging er wieder an die Arbeit.
Wie freute er sich doch, wenn er die Sonntagspredigt fertig geschrieben hatte. Man merkte es bei Tisch, auch wenn er es nicht sagte.
Oft hat er es gesagt, besonders wenn das Thema besonders schwierig war. Für Anregungen und gute Gedanken war er immer sehr dankar und freute sich, wenn die Vikare mit ihm einig gingen und mit dem Pfarrer Hand in Hand zusammenarbeiteten.
Pfarrer Mäder war seinen Vikaren ein leuchtendes Vorbild in jeder Beziehung. Wer ihn noch nicht kannte, fürchtete sich ein wenig. Aber gar bald ging die Angst in Ehrfurcht über.
Pfarrer Mäder, der große Donnerer auf der Kanzel, hatte, wie gesagt, ein kindlich warmes Gemüt. Es äußerte sich besonders in seiner glühenden Liebe zur Muttergottes. Seine kirchlichen Marienfeiern in der Basler Heiliggeistkirche waren immer gut vorbereitet und hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. An Maria hielt er sich im Leben und besonders innig im Sterben.
In seinen letzten Jahren hatte ihm eine Zuckerkrankheit viele körperliche Beschwerden gebracht. Doch klagte er nie.
Sein letzter Spaziergang war der Weg zur mittelalterlichen Muttergottesstatue im Giebel des Basler Münsters. (Man hatte diese Statue im 16. Jahrhundert wegen ihrer Höhe nicht herunterschlagen können.)
Etwa sechs Monate lang war Prälat Mäder ans Krankenlager gefesselt. In Geduld hat er sein Fegefeuer abgebüßt. Im Beisein aller Vikare ist er am 25. Juni 1945 ruhig und friedlich in den Himmel hinübergeschlummert.
Unter seinem Nachlaß fanden sich Bußgürtel und Geißel. Niemand hatte etwas davon gewußt. Jetzt ist uns manches klar. Warum war er oft so bleich? Warum mochte er nicht essen? Warum sah er schon morgens so müde aus? Gott weiß warum.
Prälat Mäder war ein Asket in der Stille und im Verborgenen. Er wollte nicht auffallen. Niemand sollte wissen, wiviel Schweiß und Blut seinen Predigten und Artikeln den Stemple des Erfolges aufgedrückt hatten. Tatsächlich war Pfarrer Mäders Erfolg größer als er ihn wahr haben wollte.
In seiner Bescheidenheit hat er das Prälatenkleid nur selten getragen, etwa an der Fronleichnamsprozession, die er als erster Pfarrer 400 Jahre nach der sogenannten Reformation in Basel wieder mutig eingeführt hatte. -


Oft sagte er mir, die Kirche sollte mehr zu den Arbeitern herabsteigen. Wir müssen die Arbeiter zu gewinnen suchen. Wenn wir Katholiken nicht sozialer sind in Wort und Tat, wird uns der Kommunismus zur Strafe überrennen. "Die Religion ist nur so viel wert wie Deine Caritas."
Demnach war Pfarrer Mäders Religion vorbildlich, denn er ist arm gestorben. Was er besaß, erhielt die Theresienschule.
Einem Vertrauten hat er einmal gestanden: "Seitdem ich anfing, am Schluß eines Monats, was ich am Hauhalt erübrigte, in die Armenkasse zu legen, fühl' ich mich frei und froh wie ein König."
Nun begreifen wir auch seine Liebe zum hl. Franziskus, dem heiligen Habenichts, dem Bruder "Immerfroh".
Pfarrer Mäder war eine Persönlichkeit, eine starke Persönlichkeit, eine Größe des Geistes, eine Größe des Willens, eine Größe des Herzens.

Pfarrer O. Aeby, Luzern
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